In einem stillen Tal in Kärnten, im Katschtal, lebte einst der Sandrieser-Bauer. Und jeden Frühling kam ein kleines, graubärtiges Männlein zu ihm. Es sagte, es sei ein Wurzelsucher, und stieg tagsüber in die Berge. Abends kehrte es heim, den Sack voll seltener Kräuter.
Leise war es, bescheiden – und so freundlich, dass bald das ganze Dorf es mochte.
Jahre vergingen so, bis das Männlein eines Frühjahrs nicht mehr kam. Der Sandrieser dachte oft an seinen stillen Gast.
Eines Tages war der Bauer geschäftlich in Venedig. Durch die Straßen der Stadt ging er, als er plötzlich eine leise Stimme hörte: „Sandrieser! Komm her!“
Da stand er, staunend, vor einem prächtigen Palast – und in der Tür: das kleine Männlein, nun in feiner Seide, das Gesicht warm und vertraut wie eh und je.
Es führte den Bauer hinein und sprach: „Dies alles gehört nun mir. Und auch du sollst nicht leer ausgehen.“
Dann zeigte es ihm einen Spiegel, schlicht, rund und glänzend. Als der Bauer hineinblickte, traute er seinen Augen kaum: Da war seine Stube daheim, die Kinder, die spielten, und seine Frau, die am Herd stand und Krapfen buk.
„Ein Bergspiegel“, lächelte das Männlein. „Ich trage ihn jeden Sommer bei mir – so bleibt mein Herz immer bei der Heimat.“
Reich beschenkt kehrte der Bauer zurück. Und als er seiner Frau erzählte, dass er sie aus der Ferne beim Backen gesehen hatte, da wusste sie: Manche Freundschaften überdauern Zeit und Raum.